Geprüfter Quellenkanon zur Hochsensibilität (Sensory Processing Sensitivity) für Journalisten, Autoren, Coaches, Forschende und Betroffene. Pro Studie ein einheitlicher Vierklang: vollständige Zitation, was die Studie zeigt, was sie nicht zeigt und wie sie typischerweise überdehnt wird. Ein eigener Block ordnet die häufigsten Falschzitationen und Mythen ein (Acevedo n=18, 20-Prozent-Mythos, Heritabilität, Polyvagal-Anatomie). Wissenschaftliche Zurückhaltung als Methode, Stand: Juni 2026, Aktualisierung quartalsweise.
Referenzseite, Stand Juni 2026
Was die HSP-Forschung zeigt. Und was nicht.
Ein geprüfter Quellenkanon zur Hochsensibilität, mit klarer Trennung zwischen dem, was Studien tragen, und dem, was im populären Diskurs daraus gemacht wird.
Einordnung
Diese Seite prüft, was die Forschung zur Hochsensibilität trägt, was sie nicht trägt und wie sie typischerweise überdehnt wird. Sie richtet sich an Journalisten, Autorinnen und Autoren, Coaches, Forschende und an Betroffene, die sich ein nüchternes Bild verschaffen wollen.
Die Haltung ist wissenschaftliche Zurückhaltung als Methode. Hochsensibilität wird hier als Ressource mit Doppelseitigkeit verstanden, im Sinne des Differential-Susceptibility-Modells: dieselbe Empfänglichkeit wirkt unter Belastung als Risiko und unter förderlichen Bedingungen als Ressource.
Jede Quelle erscheint im gleichen Vierklang: vollständige Zitation, was die Studie zeigt, was sie nicht zeigt und wie sie typischerweise überdehnt wird. Wo die Evidenz schwach ist, steht "Hinweis", nicht "Beleg".
Ein eigener Block ordnet die sieben häufigsten Falschzitationen und Mythen ein. Ein abschließender Block benennt die offenen Forschungsfragen.
Der Kanon
HSP-Kern
Aron, E. N. (1997). The Highly Sensitive Person: How to Thrive When the World Overwhelms You. Broadway Books.
- Was die Studie zeigt:
- Erste populäre Beschreibung des Konstrukts Hochsensibilität (Sensory Processing Sensitivity, SPS) als angeborenes Temperamentsmerkmal mit tiefer Verarbeitung, leichter Übererregung, ausgeprägter Empathie und feiner Reizwahrnehmung.
- Was sie nicht zeigt:
- Keine empirische Validierung im engeren Sinn, kein Diagnoseverfahren. Buchpublikation, keine peer-reviewed Studie.
- Wie sie typischerweise überdehnt wird:
- Wird häufig als wissenschaftlicher Beleg zitiert. Korrekt ist: Das Buch popularisiert ein Konstrukt, dessen empirische Grundlage parallel und nachgelagert entwickelt wurde (siehe Aron und Aron, 1997).
Aron, E. N. und Aron, A. (1997). Sensory-Processing Sensitivity and Its Relation to Introversion and Emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73(2), 345 bis 368.
- Was die Studie zeigt:
- Erste systematische Skalenentwicklung (HSPS, 27 Items) über sieben Studien. Hinweis auf Abgrenzbarkeit von Introversion und Neurotizismus, mit messbaren Anteilen geteilter Varianz.
- Was sie nicht zeigt:
- Keine neurobiologische Evidenz, keine Verhaltensbeobachtungen. Stichproben überwiegend US-amerikanische College-Studierende, eingeschränkte Übertragbarkeit.
- Wie sie typischerweise überdehnt wird:
- Wird zitiert als "HSP ist empirisch trennscharf bewiesen". Korrekt ist: Erste Hinweise auf Trennschärfe, die in späteren Arbeiten (Smolewska et al., 2006; Hellwig und Roth, 2021) differenziert geprüft werden.
Aron, E. N., Aron, A. und Davies, K. M. (2005). Adult Shyness: The Interaction of Temperamental Sensitivity and an Adverse Childhood Environment. Personality and Social Psychology Bulletin, 31(2), 181 bis 197.
- Was die Studie zeigt:
- Empirische Trennung von SPS und Schüchternheit. Schüchternheit entsteht im Zusammenspiel von sensibler Veranlagung und ungünstiger Kindheitsumgebung, nicht aus der Veranlagung allein.
- Was sie nicht zeigt:
- Keine Aussage über klinische Diagnosen. Querschnitts- und retrospektive Daten, keine prospektive Längsschnittevidenz.
- Wie sie typischerweise überdehnt wird:
- Wird verkürzt zu "HSP gleich Introversion". Korrekt ist: SPS und Introversion sind empirisch trennbar; Schüchternheit ist eine mögliche Folge ungünstiger Sozialisation, kein Merkmal der Sensibilität selbst.
Smolewska, K. A., McCabe, S. B. und Woody, E. Z. (2006). A psychometric evaluation of the Highly Sensitive Person Scale: The components of sensory-processing sensitivity and their relation to the BIS/BAS and "Big Five". Personality and Individual Differences, 40(6), 1269 bis 1279.
- Was die Studie zeigt:
- Psychometrische Prüfung der HSPS mit Hinweis auf eine Drei-Faktoren-Struktur: Ease of Excitation, Low Sensory Threshold, Aesthetic Sensitivity.
- Was sie nicht zeigt:
- Keine Aussage zu kulturübergreifender Validität. Stichprobe kanadische Studierende.
- Wie sie typischerweise überdehnt wird:
- Wird selten überdehnt, eher selektiv ignoriert: Die Drei-Faktoren-Struktur relativiert eindimensionale Aussagen über "die Hochsensiblen".
Jagiellowicz, J., Xu, X., Aron, A., Aron, E., Cao, G., Feng, T. und Weng, X. (2011). The trait of sensory processing sensitivity and neural responses to changes in visual scenes. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 6(1), 38 bis 47. DOI: 10.1093/scan/nsq001
- Was die Studie zeigt:
- fMRT-Hinweis auf stärkere Aktivierung in Regionen, die mit aufmerksamer Detailverarbeitung und Integration visueller Information assoziiert sind, bei höheren HSPS-Werten.
- Was sie nicht zeigt:
- Keine kausale Aussage. Kleine Stichprobe (n=16), kein Replikationsdesign, keine klinische Population.
- Wie sie typischerweise überdehnt wird:
- Wird zusammen mit Acevedo (2014) zitiert als "HSP-Gehirne sind anders verdrahtet, fMRT-bewiesen". Korrekt ist: Zwei kleine Pilotstudien mit kongruenten Hinweisen, keine bewiesene Verdrahtung. Häufig wird zudem die Stichprobengröße von Acevedo (n=18) fälschlich auf Jagiellowicz (n=16) übertragen.
Aron, E. N., Aron, A. und Jagiellowicz, J. (2012). Sensory processing sensitivity: A review in the light of the evolution of biological responsivity. Personality and Social Psychology Review, 16(3), 262 bis 282.
- Was die Studie zeigt:
- Erste systematische Übersichtsarbeit, die SPS in einen evolutionsbiologischen Rahmen stellt: Sensibilität als evolutionär konservierte Strategie der vertieften Verarbeitung, in vielen Spezies dokumentiert.
- Was sie nicht zeigt:
- Review-Charakter, keine eigene empirische Evidenz. Evolutionsbiologische Einordnung bleibt theoretisch.
- Wie sie typischerweise überdehnt wird:
- Wird oft falsch attribuiert als "Aron, A., Ketay und Aron, E. N. (2012)". Korrekt ist die hier genannte Autorenliste mit Jagiellowicz als Drittautorin.
Acevedo, B. P., Aron, E. N., Aron, A., Sangster, M. D., Collins, N. und Brown, L. L. (2014). The highly sensitive brain: An fMRI study of sensory processing sensitivity and response to others' emotions. Brain and Behavior, 4(4), 580 bis 594. DOI: 10.1002/brb3.242
- Was die Studie zeigt:
- fMRT-Hinweis auf erhöhte Aktivität in Insula und anteriorem Cingulum bei sensiblen Personen während emotionaler Stimuli, Regionen, die mit Empathie, Selbstwahrnehmung und Integration von Körpersignalen verbunden sind.
- Was sie nicht zeigt:
- Stichprobe n=18. Pilotstudie ohne unabhängige Replikation. Keine Aussage über die Größe oder Stabilität des Effekts in der Allgemeinbevölkerung.
- Wie sie typischerweise überdehnt wird:
- Wird als "Beweis für anders verdrahtete HSP-Gehirne" zitiert. Korrekt: Erste Hinweise aus einer kleinen Pilotstudie, die der Replikation und Größenschätzung bedürfen.
Lionetti, F., Aron, A., Aron, E. N., Burns, G. L., Jagiellowicz, J. und Pluess, M. (2018). Dandelions, tulips and orchids: evidence for the existence of low-sensitive, medium-sensitive and high-sensitive individuals. Translational Psychiatry, 8, 24.
- Was die Studie zeigt:
- Hinweis auf ein Drei-Gruppen-Modell der Umweltsensibilität (niedrig rund 30 Prozent, mittel rund 40 Prozent, hoch rund 30 Prozent) über zwei unabhängige Stichproben, mit Latent-Class-Analyse.
- Was sie nicht zeigt:
- Keine Aussage darüber, ob die Gruppen kategorial getrennt oder Abschnitte eines Kontinuums sind. Modellabhängig.
- Wie sie typischerweise überdehnt wird:
- Wird zitiert als "30 Prozent sind hochsensibel". Korrekt ist: Trennwert-Abhängigkeit. Aron nennt 15 bis 20 Prozent (enge Definition), Lionetti rund 30 Prozent (weite Definition). Es gibt keine feste Zahl.
Greven, C. U., Lionetti, F., Booth, C., Aron, E. N., Fox, E., Schendan, H. E., Pluess, M., Bruining, H., Acevedo, B., Bijttebier, P. und Homberg, J. (2019). Sensory Processing Sensitivity in the context of Environmental Sensitivity: A critical review and development of research agenda. Neuroscience and Biobehavioral Reviews, 98, 287 bis 305.
- Was die Studie zeigt:
- Kritische Übersicht. Verortet SPS innerhalb des breiteren Konstrukts Environmental Sensitivity (Umweltsensibilität). Definiert eine Forschungsagenda: Messung, Heritabilität, neuronale Korrelate, klinische Relevanz.
- Was sie nicht zeigt:
- Kein Originalbefund, sondern Synthese. Forschungslücken werden ausdrücklich benannt und nicht aufgelöst.
- Wie sie typischerweise überdehnt wird:
- Wird zitiert als "umfassende Bestätigung des HSP-Konzepts". Korrekt: Bestätigung der Konstruktrelevanz bei gleichzeitig offener Liste empirischer Lücken.
Greven, C. U. und Homberg, J. R. (2020). Sensory processing sensitivity: For better or for worse? Theory, evidence, and societal implications. In B. P. Acevedo (Hrsg.), The Highly Sensitive Brain: Research, Assessment, and Treatment of Sensory Processing Sensitivity (S. 51 bis 74). Elsevier Academic Press.
- Was die Studie zeigt:
- Theoretische Einordnung von SPS als kontextabhängiger Faktor (für besser oder schlechter), kompatibel mit dem Differential-Susceptibility-Rahmen.
- Was sie nicht zeigt:
- Buchkapitel, kein Originaldatensatz. Gesellschaftliche Implikationen bleiben hypothesengeleitet.
- Wie sie typischerweise überdehnt wird:
- Wird zitiert als Beleg dafür, dass HSP "besser" sind. Korrekt ist die titelgebende Doppelseitigkeit: für besser oder für schlechter, je nach Umgebung.
Hellwig, S. und Roth, M. (2021). Conceptual Ambiguities and Measurement Issues in Sensory Processing Sensitivity. Journal of Research in Personality, 93, 104130.
- Was die Studie zeigt:
- Kritische Analyse: Überlappungen zwischen HSPS, Neurotizismus und Offenheit für Erfahrungen. Hinweis auf unzureichende diskriminante Validität in den geprüften Stichproben.
- Was sie nicht zeigt:
- Keine Widerlegung des Konstrukts. Stichproben klein und überwiegend studentisch, eingeschränkte Generalisierbarkeit.
- Wie sie typischerweise überdehnt wird:
- Wird zitiert als "HSP existiert wissenschaftlich nicht". Korrekt: Konstruktvalidität ist offene Forschungsfrage. Praktische Relevanz und theoretische Trennschärfe sind zwei verschiedene Ebenen.
Tillmann, T., El Matany, K. und Duttweiler, H. (2018). Measuring Environmental Sensitivity in Educational Contexts: A Validation Study With German-Speaking Students. Journal of Educational and Developmental Psychology, 8(2), 17. DOI: 10.5539/jedp.v8n2p17
- Was die Studie zeigt:
- Entwicklung und Validierung einer kurzen, 10-Item deutschsprachigen Version der Highly Sensitive Person Scale für Jugendliche, über zwei unabhängige Stichproben deutscher Sekundarschülerinnen und Sekundarschüler (N=301 und N=460). Prüfung der Faktorstruktur und der Beziehungen zu den Big Five.
- Was sie nicht zeigt:
- Keine Aussage über klinische Populationen oder Erwachsene. Selbstauskunftsdaten. Die Übertragbarkeit der Kurzform auf andere deutschsprachige Kontexte (Erwachsene, andere Bildungssysteme) ist nicht geprüft.
- Wie sie typischerweise überdehnt wird:
- Wird gelegentlich als Beleg dafür zitiert, dass es eine validierte deutsche HSP-Skala für alle Altersgruppen gebe. Korrekt: validiert für deutschsprachige Sekundarschülerinnen und Sekundarschüler, nicht für Erwachsene.
Falkenstein, T., Sartori, L., Malanchini, M., Hadfield, K. und Pluess, M. (2025). The Relationship Between Environmental Sensitivity and Common Mental-Health Problems in Adolescents and Adults: A Systematic Review and Meta-Analysis. Clinical Psychological Science, Advance online publication. DOI: 10.1177/21677026251348428
- Was die Studie zeigt:
- Meta-Analyse aus 33 Studien. Findet einen positiven Zusammenhang zwischen höherer Umweltsensibilität und verbreiteten psychischen Beschwerden (Angst, depressive Symptome).
- Was sie nicht zeigt:
- Keine kausale Aussage. Effektgrößen moderat. Konfundierung mit Neurotizismus nicht abschließend geklärt.
- Wie sie typischerweise überdehnt wird:
- Wird in beide Richtungen überdehnt: einerseits als "HSP macht krank", andererseits in der Praxisliteratur ignoriert. Korrekt ist die Doppelseitigkeit: Empfänglichkeit, die unter Belastung zum Risiko, unter guten Bedingungen zur Ressource wird.
Differential Susceptibility und Vantage Sensitivity
Belsky, J. und Pluess, M. (2009). Beyond diathesis stress: differential susceptibility to environmental influences. Psychological Bulletin, 135(6), 885 bis 908.
- Was die Studie zeigt:
- Theoretischer Rahmen: Sensible Personen reagieren stärker auf Umweltbedingungen in beide Richtungen. Belastende Umgebungen wirken stärker negativ, förderliche stärker positiv.
- Was sie nicht zeigt:
- Synthese theoretischer und empirischer Arbeiten, kein einzelner Originalbefund. Operationalisierung von "Sensibilität" variiert über Studien hinweg.
- Wie sie typischerweise überdehnt wird:
- Wird verkürzt zu "HSP sind empathischer und besser". Korrekt ist die Symmetrie: stärkere Beeinflussbarkeit in beide Richtungen, keine Wertung.
Assary, E., Zavos, H. M. S., Krapohl, E., Keers, R. und Pluess, M. (2021). Genetic architecture of Environmental Sensitivity reflects multiple heritable components: a twin study with adolescents. Molecular Psychiatry, 26(9), 4896 bis 4904.
- Was die Studie zeigt:
- Zwillingsstudie. Heritabilität von Umweltsensibilität rund 47 Prozent, aus mehreren genetischen Komponenten zusammengesetzt.
- Was sie nicht zeigt:
- Heritabilität ist eine populationsbezogene Kennzahl, keine individuelle Festlegung. Keine Aussage über einzelne Gene oder Mechanismen.
- Wie sie typischerweise überdehnt wird:
- Wird zitiert als "HSP ist erblich, also festgelegt". Korrekt: Rund die Hälfte der Varianz ist umweltbedingt. Erblich heißt nicht determiniert.
Neurobiologie
McEwen, B. S. (2017). Neurobiological and Systemic Effects of Chronic Stress. Chronic Stress, 1, 1 bis 11.
- Was die Studie zeigt:
- Übersicht über die neurobiologischen Effekte chronischen Stresses, eingebettet in das Konzept der allostatischen Last (kumulative biologische Kosten andauernder Anpassung).
- Was sie nicht zeigt:
- Kein Originalbefund zu Hochsensibilität. Konzeptionelle Brücke, nicht HSP-spezifische Evidenz.
- Wie sie typischerweise überdehnt wird:
- Wird selten direkt überdehnt; in HSP-Kontexten manchmal als Begründung für "HSP brauchen mehr Pausen" zitiert, ohne die Allgemeingültigkeit zu nennen. Allostatische Last betrifft alle, nicht nur Sensible.
Polyvagal
Porges, S. W. (2011). The Polyvagal Theory: Neurophysiological Foundations of Emotions, Attachment, Communication, and Self-Regulation. W. W. Norton.
- Was die Studie zeigt:
- Theoretischer Rahmen. Beschreibt drei autonome Zustände (ventraler Vagus, Sympathikus, dorsaler Vagus) und führt Konzepte wie Neuroception und Ko-Regulation ein.
- Was sie nicht zeigt:
- Anatomische Kernannahmen der Theorie sind in der wissenschaftlichen Community umstritten (siehe Grossman, 2023). Empirische Direktbefunde stützen die phänomenologischen Konzepte stärker als die anatomischen.
- Wie sie typischerweise überdehnt wird:
- Wird zitiert als "neuroanatomisch bewiesen". Korrekt: Klinisch und praktisch nutzbar bleiben Neuroception, Ko-Regulation und hierarchische Zustandsregulation. Die anatomische Detailtheorie steht zur Debatte.
Grossman, P. (2023). Fundamental challenges and likely refutations of the five basic premises of the polyvagal theory. Biological Psychology, 180, 108589. DOI: 10.1016/j.biopsycho.2023.108589
- Was die Studie zeigt:
- Systematische Prüfung der fünf Kernannahmen der Polyvagal-Theorie. Hinweis darauf, dass mehrere anatomische und phylogenetische Grundpfeiler dem aktuellen Stand vergleichender Neurobiologie nicht standhalten.
- Was sie nicht zeigt:
- Keine Widerlegung der praktischen Anwendbarkeit von Neuroception und Ko-Regulation. Fokus auf anatomische Annahmen.
- Wie sie typischerweise überdehnt wird:
- Wird teils als "Polyvagal ist widerlegt" verkürzt. Korrekt: Anatomische Theoriebausteine sind kontrovers, die phänomenologischen Konzepte bleiben in der Praxis nutzbar. Eine vertiefende Bewertung mit weiteren Autoren liefert Grossman et al. (2026), Clinical Neuropsychiatry, 23(1), 100 bis 112.
Stress und kognitive Last
Sweller, J., van Merriënboer, J. J. G. und Paas, F. (2019). Cognitive Architecture and Instructional Design: 20 Years Later. Educational Psychology Review, 31(2), 261 bis 292. DOI: 10.1007/s10648-019-09465-5
- Was die Studie zeigt:
- Aktualisierte Cognitive-Load-Theorie. Beschreibt die Begrenzung des Arbeitsgedächtnisses und unterscheidet intrinsische, extrinsische und germane kognitive Last.
- Was sie nicht zeigt:
- Kein HSP-Bezug im Original. Bildungspsychologische Theorie, keine klinische Anwendung.
- Wie sie typischerweise überdehnt wird:
- In HSP-Kontexten gelegentlich als Begründung für "HSP sind kognitiv schneller überlastet" zitiert. Diese Anwendung ist plausibel, aber nicht durch HSP-Cognitive-Load-Studien gedeckt.
Falschzitationen und Mythen
Sieben Behauptungen, die regelmäßig durch Praxisliteratur und Medien wandern, gegen das, was die Quellen tatsächlich tragen.
Was oft behauptet wird: "HSP-Gehirne sind anders verdrahtet, bewiesen durch fMRT."
Was die Quelle sagt: Acevedo et al. (2014) ist eine Pilotstudie mit n=18. Sie liefert erste Hinweise auf erhöhte Aktivität in Insula und anteriorem Cingulum, keinen Beweis. Jagiellowicz et al. (2011) zeigt kongruente Hinweise, ebenfalls mit kleiner Stichprobe (n=16).
Was oft behauptet wird: "20 Prozent aller Menschen sind hochsensibel."
Was die Quelle sagt: Trennwert-Abhängig. Aron nennt in der engen Definition 15 bis 20 Prozent. Lionetti et al. (2018) findet im Drei-Gruppen-Modell rund 30 Prozent. Es gibt keine feste Zahl, sie hängt von Skala und Schwellenwert ab.
Was oft behauptet wird: "HSP ist erblich."
Was die Quelle sagt: Assary et al. (2021) beziffert die Heritabilität auf rund 47 Prozent. Erblich heißt nicht festgelegt. Rund die Hälfte der Varianz entfällt auf Umwelt und individuelle Erfahrung.
Was oft behauptet wird: "HSP gleich Introversion."
Was die Quelle sagt: Aron, Aron und Davies (2005) trennen SPS und Schüchternheit empirisch. Etwa 30 Prozent der Hochsensiblen sind extrovertiert. Introversion ist eine eigenständige Dimension.
Was oft behauptet wird: "Die Polyvagal-Theorie ist neuroanatomisch bewiesen."
Was die Quelle sagt: Grossman (2023) zeigt, dass zentrale anatomische Annahmen kontrovers sind. Praktisch nutzbar bleiben Neuroception, Ko-Regulation und die hierarchische Zustandsregulation.
Was oft behauptet wird: "HSP sind besser oder empathischer."
Was die Quelle sagt: Differential Susceptibility (Belsky und Pluess, 2009) beschreibt stärkere Beeinflussbarkeit in beide Richtungen, ohne Wertung. Greven und Homberg (2020) formulieren explizit: "for better or for worse".
Was oft behauptet wird: "HSP ist eine Diagnose."
Was die Quelle sagt: Hochsensibilität ist ein Temperamentsmerkmal, keine ICD-Kategorie. Es gibt kein klinisches Diagnoseverfahren und keinen Eintrag in ICD oder DSM.
Offene Forschungsfragen
- Konstruktvalidität gegenüber den Big Five: Wie trennscharf ist SPS gegenüber Neurotizismus und Offenheit? Hellwig und Roth (2021) benennen Überlappungen, eingebettet in kleine studentische Stichproben.
- Kleine Stichproben in der Bildgebung: Die zentralen fMRT-Hinweise (Acevedo 2014, Jagiellowicz 2011) basieren auf kleinen Stichproben ohne unabhängige Replikation.
- Kulturübergreifende Lücken: Die meisten Stichproben sind nordamerikanisch oder europäisch und überwiegend studentisch. Belastbare kulturvergleichende Evidenz fehlt.
- Polyvagal-Anatomie: Grossman (2023) prüft die fünf Kernannahmen der Polyvagal-Theorie und kommt zu kritischem Befund. Eine vertiefende internationale Bewertung folgt mit Grossman et al. (2026) in Clinical Neuropsychiatry. Die phänomenologischen Konzepte bleiben praktisch nutzbar, die anatomische Theorie steht zur Debatte.
Zitierhinweis
Wenn Sie diese Seite zitieren möchten, empfehlen wir folgende Form:
Hörmann, J. (2026). Was die HSP-Forschung zeigt. Und was nicht. Geprüfter Quellenkanon zur Hochsensibilität. https://joerg-hoermann.de/hsp-quellenkanon (Stand: Juni 2026).
Standdatum: Juni 2026. Diese Seite wird quartalsweise auf neue Evidenz, Replikationen und Korrekturen geprüft und aktualisiert.
Geprüft und nicht aufgenommen
Transparenz über Kandidatenquellen, die bewusst nicht in den Kanon aufgenommen wurden, mit Ein-Satz-Begründung.
Tabelle horizontal scrollen
| Quelle | Begründung |
|---|---|
| Pluess et al. (2018), Highly Sensitive Child Scale, Developmental Psychology 54 | Verifizierte Existenz, jedoch primär kinderzentriertes Messinstrument. Für diesen Kanon nachrangig; Aufnahme in einer späteren Erweiterung möglich. |
| Pluess und Boniwell (2015), Vantage Sensitivity, Personality and Individual Differences 82 | Konzept wird über Belsky und Pluess (2009) und Greven et al. (2019) inhaltlich bereits abgedeckt. Eine eigene Listung wäre redundant. |
| Bridges, D. und Schendan, H. E. (2019). Sensitive individuals are more creative. Personality and Individual Differences, 142, 186 bis 195. | Existenz und Bibliografie sind verifiziert (DOI: 10.1016/j.paid.2018.09.015). Thematisch peripher (Kreativität bei sensiblen Personen), für den HSP-Kernkanon nachrangig; Aufnahme in einer späteren Erweiterung möglich. |
| Karasek (1979) sowie Karasek und Theorell (1990), Job Demands-Control | Stress-Forschungsbrücke in den Führungskontext, jedoch nicht HSP-spezifisch. Gehört in einen separaten Kanon "Stress und Führung", nicht in einen HSP-Quellenkanon. |
| Iimura (2022), kulturübergreifende SPS-Befunde | Forschungslücke "kulturübergreifende Evidenz" ist im Block "Offene Forschungsfragen" benannt. Einzelstudie ohne Replikation; Aufnahme nach belastbarer Replikation. |
| Tillmann, T., El Matany, K. und Duttweiler, H. (2018), bibliografisch verifiziert | Nachverifikation Juni 2026: Die Arbeit ist im Journal of Educational and Developmental Psychology, 8(2), 17 erschienen (DOI: 10.5539/jedp.v8n2p17) und nun als deutschsprachige Validierungsstudie in den Kanon (HSP-Kern) aufgenommen. Frühere Ausschlussbegründung war ein Rechercheversäumnis und wird hier transparent korrigiert. |
Über den Autor
Jörg Hörmann, Executive Coach und Finanzcoach.
Fachlicher Hintergrund: vier Jahre Biologie-Studium an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg mit Schwerpunkt Molekularbiologie, 25 Jahre Konzern- und Finanzpraxis.
Eigene HSP- und Scanner-Erfahrung, in der Coaching-Praxis als Ressource mit Doppelseitigkeit verstanden, nicht als Label.
Weiterführend im Blog: Führung als hochsensibler Mensch ordnet diese Quellen in den Führungsalltag ein.