Über 25 Jahre Erfahrung in aktiver und passiver Geldanlage zeigen: Weder ETFs noch aktive Fonds sind per se überlegen. Entscheidend ist Bewusstsein.

Der Mythos vom ewigen Sieg der ETFs: Warum die passive Revolution die falschen Fragen beantwortet

Der Mythos vom ewigen Sieg der ETFs: Warum die passive Revolution die falschen Fragen beantwortet
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Einleitung: Das Ende einer einfachen Geschichte

In über zehn Jahren als Abteilungsleiter Investmentfonds (1996-2003) und als Fachwirt für Finanzberatung (IHK, abgeschlossen 2001) habe ich die Geburt der ETFs in Deutschland miterlebt. Als im April 2000 die ersten beiden ETFs starteten, war ich bereits vier Jahre in der aktiven Fondsindustrie tätig. Ich beobachtete, wie ein neues Narrativ entstand: „Passiv schlägt aktiv. Immer. Überall."

Zwölf Jahre später, 2012, ließ ich mich zum zertifizierten ETF-Consultant ausbilden (VDH Verbund Deutscher Honorarberater). Nicht weil ich zum Konvertiten wurde, sondern weil ich beide Welten verstehen wollte. Die aktive Seite kannte ich aus der Praxis. Die passive Revolution wollte ich von innen begreifen. Heute, nach über 25 Jahren in der Finanzbranche, weiß ich: Weder „aktiv" noch „passiv" ist per se überlegen. Entscheidend ist Bewusstsein.

Ich habe Portfolios strukturiert, Depotanalysen durchgeführt, Strategien entwickelt. Für Heilberufe, Unternehmer, anspruchsvolle Zielgruppen. Manche Konzepte schlugen den MSCI World, manche nicht. Aber das war nie der entscheidende Punkt. Entscheidend war, ob der Anleger die Strategie verstand. Und ob er durchhielt, wenn es unruhig wurde. Die besten Konzepte scheiterten nicht an Märkten, sondern an fehlender Klarheit über die eigene Risikotoleranz.

Heute begleite ich Menschen nicht mehr beim Produktverkauf, sondern bei der Entwicklung von Anwendungswissen. Finanzcoaching bedeutet: Ich stelle Fragen, du findest Antworten. Ich zeige Zusammenhänge, du entscheidest. Ich halte den Raum, du bestimmst die Tiefe. Keine Tipps, keine Depotstrukturen. Nur Befähigung zur Selbstentscheidung.

Dieser Artikel ist kein Plädoyer für oder gegen ETFs. Er ist ein Kompass für denkende Selbstentscheider, die wissen wollen: Was sagen die Daten wirklich? Wo sind die blinden Flecken? Und wie baue ich eine Strategie, die zu mir passt statt zu einer Ideologie?


Die statistische Evidenz scheint erdrückend. 93% aller europäischen Aktienfonds scheitern über 10 Jahre am Benchmark. Der Siegeszug der Exchange Traded Funds, die heute Billionen an Vermögen verwalten, scheint unaufhaltsam. Doch beginnen wir mit einem überraschenden Befund, der die gesamte Erzählung in Frage stellt.

Eine deutsche Studie mit 7.700 Portfolios (2005-2010) zeigte: ETF-Anleger erzielten minus 0,55% pro Jahr. Schlechter als ihre aktiven Pendants im selben Zeitraum. Nicht weil ETFs schlecht sind, sondern weil sie die falschen Verhaltensweisen erleichtern. Die 93-Prozent-Statistik stimmt. Aber der 1,1% jährliche Behavioral Gap, den Morningstar 2024 dokumentierte, ist oft größer als die Kostenersparnis durch ETFs.

Die statistische Realität: Warum die passive Erzählung dominiert

Die Dominanz der passiven Anlagestrategie ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis einer unerbittlichen mathematischen Realität. Die SPIVA (S&P Indices Versus Active) Scorecards liefern als Goldstandard Jahr für Jahr dieselbe ernüchternde Botschaft: Über einen 15-Jahres-Zeitraum bis Ende 2024 gab es keine einzige Aktienfondskategorie, in der eine Mehrheit der aktiven Manager ihre Benchmark übertraf.

In Europa blieben fondsvermögensgewichtet 93% der Aktienfonds und 79% der Anleihenfonds hinter ihrer Benchmark zurück. Morningstar bestätigt dieses Bild. Über die Dekade bis Dezember 2024 überlebten nur 14,2% der aktiv verwalteten Fonds und schlugen gleichzeitig ihren Benchmark. Die Botschaft ist klar: Die meisten aktiven Manager scheitern. Und zwar konsistent.

Der sich selbst verstärkende Zyklus

Die zunehmende Konzentration der Indizes zementiert diese Dynamik. Die „Magnificent Seven" in den USA, die Mega-Caps in Europa. In Deutschland machen die zehn größten Aktien 57% des S&P Germany BMI aus. Sie alle werden durch passive Zuflüsse weiter nach oben getrieben. Jeder Euro, der in einen MSCI World ETF fließt, kauft automatisch die größten Unternehmen im Verhältnis zu ihrem bereits hohen Gewicht.

Aktive Manager stehen vor einem Dilemma. Untergewichten sie diese Giganten, riskieren sie massive Underperformance. Übergewichten sie sie, werden sie zu „heimlichen Indexern", die hohe Gebühren für eine quasi-passive Leistung verlangen. Dies führte 2024 dazu, dass 97,4% der globalen Aktienfonds (Euro-denominiert) den S&P World Index verfehlten. Die höchste Quote in der SPIVA-Geschichte. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung der aktiven Underperformance.

Risse im Monolith: Wo aktives Management fruchtbaren Boden findet

Trotz der erdrückenden Langfrist-Statistiken ist die Geschichte nicht zu Ende. Ein genauerer Blick auf die Daten offenbart Risse in der monolithischen Fassade der passiven Überlegenheit.

Small Caps: Die große Ausnahme

In den USA konnten 2024 erstaunliche 70% der aktiv verwalteten Small-Cap-Fonds den S&P SmallCap 600 Index übertreffen. Das beste Ergebnis seit über zwei Jahrzehnten. In Europa zeigte sich dasselbe Muster: Eurozone Small-Cap aktive Fonds erreichten eine Erfolgsquote von 35,9% über 10 Jahre. Deutlich über der Large-Cap-Quote von nur 5,3%.

Anleihen: Wo Können zählt

2024 war ein starkes Jahr für aktive Anleihenmanager. 53,5% übertrafen ihre Benchmarks (1-Jahr), bei EUR Corporate Bonds waren es sogar 78,7%. Über 10 Jahre erreichten immerhin 23% eine persistente Outperformance. In Deutschland zeigen Spezialfonds (2009-2022) mit 4,1% p.a. bei 4,3% Volatilität bessere Ergebnisse als Euro-Staatsanleihen (2,2%).

Warum diese Unterschiede?

Martijn Cremers (Notre Dame) liefert die Antwort. Seine bahnbrechende Forschung zeigt: High Active Share plus Geduld (über zwei Jahre Haltedauer) ergibt 2,04% p.a. Outperformance. Aber High Active Share plus Frequent Trading führt zu minus 1,15% p.a. Underperformance.

Seine Erklärung: „Successful active managers succeed in identifying temporarily undervalued stocks. But it's very difficult to do that over a short-term horizon, because markets are not efficient over short time periods."

Small Caps und Anleihen sind weniger effiziente Märkte. Weniger Analysten, langsamere Informationsverarbeitung, höhere Rendite-Dispersion. Genau dort, wo die Effizienzmarkthypothese an ihre Grenzen stößt, haben überzeugte aktive Manager ihre Chance.

Der eigentliche Feind: Warum Anleger 15% ihrer Rendite durch Timing verlieren

Hier offenbart sich die tiefere Wahrheit. Die Morningstar „Mind the Gap"-Studie 2024 zeigt: Anleger erzielten 6,3% Rendite, während ihre Fonds 7,3% lieferten (10 Jahre). 15% der Gesamtrendite gingen durch schlechtes Timing verloren. Dieser 1,1% jährliche Behavioral Gap bestand in allen 10 Kalenderjahren. Ein systematisches, nicht zufälliges Problem.

Das ETF-Paradox

Überraschend: Index-ETFs zeigten einen minus 1,1% Gap, während Index-Publikumsfonds nur minus 0,2% Gap aufwiesen. Die höhere Liquidität und Handelbarkeit von ETFs führt zu schlechterem Timing-Verhalten. Sektor-ETFs waren am schlimmsten: Fast minus 3% Gap, die schlechteste Kategorie überhaupt.

Die deutsche Studie (7.700 Portfolios) bestätigt: ETF-Anleger erzielten minus 0,55% p.a. Die Gründe? Fehlendes Fachwissen, Mängel bei Risikostreuung, Angst und Gier, 1 bis 3% Verlust durch Timing-Fehler.

Professor Martin Weber (Uni Mannheim), Deutschlands führender Behavioral-Finance-Experte, bringt es auf den Punkt: „Mit ETFs werden Sie nur erfolgreich sein, wenn Sie dauerhaft investiert bleiben. Ständig kaufen und verkaufen, davon wird nur Ihre Bank reich."

Die brutale Realität

Russell Investments zeigt: Wer die 10 besten Tage verpasste (2002-2021), erlebte Folgendes:

  • Voll investiert: 100.000 Dollar wurden zu 450.854 Dollar
  • 2008-Exit, Wiedereinstieg nach 1 Jahr: Nur 295.301 Dollar
  • 2008-Exit, in Cash geblieben: Nur 58.544 Dollar

Sieben von zehn besten Tagen kamen innerhalb von 2 Wochen nach den 10 schlechtesten. Wer im COVID-Crash verkaufte, verpasste die Rally.

Vanguard quantifiziert den Wert professioneller Begleitung: Behavioral Coaching allein ergibt 150 bis 200 Basispunkte jährlicher Renditevorteil. Der größte Faktor in ihrem „Advisor's Alpha"-Framework (Gesamtwert: bis zu 3% netto). 1,6 Millionen Dollar Lifetime-Verlust sind durch suboptimale Verhaltensmuster möglich. 28% der IRA-Rollover-Gelder blieben 7 Jahre und länger in Cash (2015-Kohorte). Eine stille Tragödie.

Die Ironie: ETFs sollten Behavioral Biases lösen. Stattdessen schufen sie neue. Passive Overconfidence, der Glaube, dass passive Strategie keine Anpassung, keine Bildung, kein Engagement braucht. Convenience führt zu Overtrading. Die Werkzeuge sind rational. Die Nutzer sind es nicht.

Im Coaching arbeite ich mit Menschen an dieser Frage: „Willst du recht haben oder ruhig schlafen?" Denn das sind oft zwei völlig verschiedene Ziele. Eine 70/30-Strategie (Core ETF / aktive Satelliten) kann rational überlegen sein. Aber wenn du nachts wach liegst, weil du nicht verstehst, was dein aktiver Manager tut, ist sie für dich die falsche Strategie.

Wem gehört dein Geld? Die unsichtbare Macht der Big Three

Der massive Umschwung von Billionen von Dollar verändert nicht nur einzelne Portfolios. Er formt die grundlegende Architektur der Kapitalmärkte um.

Die Big Three: 74% Marktmacht, 25% Stimmrecht

BlackRock, Vanguard, State Street kontrollieren 74,3% des US-Equity-ETF-Marktes. BlackRock allein verwaltet 10,5 Billionen Dollar, hält 5% und mehr Anteil in 97,5% der S&P 500-Unternehmen. Kombiniert sind die Big Three der größte Aktionär in 88% der S&P 500-Unternehmen und kontrollieren 25% der Stimmen bei Hauptversammlungen.

Das Stewardship-Defizit

Bebchuk & Hirst (2019, Columbia Law Review) zeigen das strukturelle Problem: Diese Giganten investieren weniger als 4.500 Dollar pro 1 Milliarde Dollar Position für Stewardship. Weniger als 0,2% ihrer Gebühren. 90% der Portfolio-Unternehmen erhalten kein jährliches Engagement. BlackRock hatte 2018 nur 33 Stewardship-Mitarbeiter für Billionen AUM.

ESG-Voting offenbart die Widersprüche

Morningstar-Analyse 2023-2024: State Street stimmte 60% ESG-Resolutionen zu, BlackRock 55% (gefallen auf 4% in 2024), Vanguard nur 28%. Bei Large-Caps 2023 sogar 0% Support. Wäre die Big Three nicht da: 59 statt 28 ESG-Resolutionen hätten S&P 500-Abstimmungen gewonnen.

Ihr Geschäftsmodell schafft einen strukturellen Anreiz zur „rationalen Apathie". Ihr Wettbewerbsvorteil liegt in Skaleneffizienz und niedrigen Kosten, nicht in teurer Unternehmensanalyse. Sie können nicht verkaufen (passive Verpflichtung), sie können nur reden und abstimmen. Aber sie tun es nicht intensiv genug.

Die philosophische Frage

Wer kontrolliert den Kapitalismus, wenn drei Firmen alles besitzen? Passive Ownership gleich passive Verantwortung? Der COVID-Crash zeigte: Die Struktur hielt besser als befürchtet. Aber die Fed musste zum ersten Mal ETFs direkt kaufen (SMCCF/PDCF). Ein gefährlicher Präzedenzfall. Moral Hazard als Systemrisiko.

Aber auch die aktive Seite ist nicht frei von systemischem Versagen

Ich habe es selbst erlebt.

2009, nach Lehman. Einer meiner Portfolio-Bausteine war ein europäischer Aktienfonds, ein „Rennpferd". Immer im Top-Bereich. Über Jahre hinweg. Die Kunden vertrauten darauf. Ich vertraute darauf. Dann kam der Crash.

Was die Fondsgesellschaft nicht tat: Den Fonds verteidigen, durchhalten, antizyklisch kaufen. Was sie stattdessen tat: Geschäftspolitisch in einen Geldmarktfonds umwandeln. Volumen-Verlust minimieren. Ohne angemessene Kommunikation. Über Nacht war aus dem Rennpferd ein Esel geworden.

Meine Kunden saßen auf einem Portfolio-Baustein, der den Crash nicht ausgleichen konnte. Nicht weil sie falsch handelten, sondern weil die Fondsgesellschaft ihre eigenen Interessen über die der Anleger stellte. Ich war machtlos. Ich konnte nur zusehen.

Es tat weh. Nicht finanziell. Sondern ethisch. Das war der Moment, in dem ich aufhörte, in Produkten zu denken, und anfing, in Systemen zu denken. Der Moment, in dem ich dem Vertrieb den Rücken kehrte. Nicht weil ich Produkte hasse, sondern weil ich verstanden hatte: Kein Produkt ist besser als das System, das es trägt.

Deshalb arbeite ich heute nicht mehr mit Produkten, sondern mit Menschen. Finanzcoaching bedeutet: Du verstehst das System. Du verstehst deine Rolle darin. Du triffst Entscheidungen, die du verantworten kannst. Nicht ein Fondsmanager, nicht eine Gesellschaft, nicht ein Index. Nur du.

EMH vs. Behavioral Finance: Das intellektuelle Schlachtfeld

Eugene Fama selbst räumte 2024 ein: „Efficient markets is a hypothesis, not reality." Märkte reflektieren verfügbare Informationen, aber sie sind nicht hellseherisch. Sie sind „efficient enough". Konsistente Outperformance ist schwierig, aber nicht unmöglich in spezifischen Dimensionen.

Die Verhaltensökonomie zeigt: Menschen sind nicht immer rational. Herdenverhalten verstärkt Trends bis zur Blase. Kontrollillusion lässt Anleger glauben, sie könnten die Gewinner-Aktien trotz aller Beweise auswählen.

Die tiefere Ironie

Das passive Investieren, intellektuell in rationalen Märkten verwurzelt, hat in der Praxis Instrumente geschaffen, die irrationales Herdenverhalten massiv verstärken. Thematische ETFs (KI, Clean Energy, ESG) ermöglichen es Anlegern, schnell und kostengünstig auf populäre Narrative aufzuspringen. Diese Kapitalströme sind preisunsensibel. Sie kaufen nicht aufgrund fundamentaler Bewertung, sondern weil die Aktien im Index enthalten sind. Dies treibt Kurse über innere Werte hinaus und erzeugt genau jene Blasen und Anomalien, die es laut EMH gar nicht geben dürfte.

Die passive Revolution hat paradoxerweise hocheffiziente Werkzeuge geschaffen, die genau jenes irrationale Verhalten verstärken, das die Verhaltensökonomie beschreibt. Dies wiederum schafft neue Chancen für aktive Manager und neue Risiken für alle.

Die deutsche Perspektive: Steuer, Kosten, Realität

Steuerliche Gleichstellung seit 2018

Seit der Investmentsteuerreform 2018 gibt es keine steuerlichen Vorteile mehr für thesaurierende gegenüber ausschüttenden Fonds. Die Vorabpauschale 2024 (Basiszins 2,29%) bedeutet maximal 33 Euro Steuer per 10.000 Euro Aktien-ETF (Januar 2025). Überschaubar und bei Verkauf anrechenbar. Der erhöhte Sparerpauschbetrag 2025 (1.000 Euro Single, 2.000 Euro verheiratet) hilft zusätzlich.

Kosten: Der 36.000-Euro-Unterschied

Konkretes Szenario (20 Jahre, 500 Euro/Monat Sparplan):

  • ETF (0,20% TER) via Neobroker: rund 5.000 Euro Kosten
  • Aktiver Fonds (1,5% TER plus 5% Ausgabeaufschlag): rund 41.000 Euro Kosten
  • Differenz: 36.000 Euro weniger Vermögen

DAX-ETFs kosten heute 0,08 bis 0,16% (Lyxor Core DAX 0,08%), World-ETFs 0,12 bis 0,20%. Neobroker (Trade Republic, Scalable Capital) verlangen 0 Euro für Sparpläne. Die Kostenrevolution ist real.

Aber: Wenige deutsche Aktive schaffen es dauerhaft

DWS Deutschland erzielte 8,2% p.a. über 25 Jahre (DAX: 6,7%). Fondak hat die beste Langfrist-Rendite aller deutschen Aktienfonds. Aber SPIVA Deutschland 2017: Rund 90% deutscher Aktienfonds unterperformten MSCI Germany. Survivorship Bias: Viele verschwinden unbemerkt.

Core-and-Explore: Der Kompass für den denkenden Anleger

Die Lösung ist keine binäre Wahl, sondern eine hybride Strategie, inspiriert von Erich Fromms Unterscheidung zwischen „Haben" und „Sein":

Der Kern (Haben): 70 bis 80% des Portfolios

Kostengünstige, breit diversifizierte ETFs für effiziente Märkte (MSCI World, S&P 500). Dies ist der pragmatische Anker. Die Anerkennung der statistischen Realität. Man besitzt die Marktrendite mit minimalen Kosten.

Die Satelliten (Sein): 20 bis 30% des Portfolios

Gezielte Allokationen in aktive Manager, wo Können einen Unterschied macht:

  • Small Caps (Eurozone, USA): 35,9% bzw. 70% Erfolgsquote
  • Anleihen (Corporate, Duration-Management): 53,5 bis 78,7% Outperformance 2024
  • Schwellenländer (strukturelle Ineffizienzen)
  • Überzeugte aktive Manager mit hohem Active Share (über 80%) und Geduld (Cremers: plus 2,04% p.a.)

Dies ist der „Sein"-Teil. Die bewusste Entscheidung, ein engagierter Eigentümer zu sein, nicht nur ein passiver Portfoliohalter.

Das übergreifende Prinzip: Stewardship-Due-Diligence

Selbst bei Kern-ETFs: Wie nimmt der Anbieter Eigentumsrechte wahr? Vanguard 0% ESG-Support bei Large-Caps 2023 versus State Street 60%. Das ist keine triviale Differenz. Stewardship ist kein Luxus, sondern eine treuhänderische Pflicht.

Bei aktiven Satelliten: Nicht nur Performance prüfen, sondern Engagement-Qualität, Active Share, Portfolio-Turnover, Manager-Tenure. Closet Indexer (Active Share unter 60%) sofort aussortieren. Sie verlangen aktive Gebühren für passive Leistung.

Schlussfolgerung: Jenseits des Mythos

Der Mythos vom ewigen Sieg der ETFs ist falsch. Aber der Mythos vom überlegenen aktiven Manager ist es auch. Die Wahrheit ist komplexer, aber auch ermächtigender: Indem du verstehst, wo passive Strategien ihre Stärken haben (effiziente Märkte, Kosten, Disziplin) und wo aktives Eigentum einen Mehrwert schafft (Small Caps, Anleihen, Stewardship), wächst du über den Mythos hinaus.

Erich Fromm schrieb in „Haben oder Sein": „Der moderne Mensch lebt in einer Illusion der Kontrolle, weil er Dinge besitzt, nicht weil er sich ihrer bewusst ist." Finanzpsychologisch heißt das: Besitz ersetzt kein Bewusstsein. Viele ETF-Anleger fühlen sich sicher, weil sie „das Richtige" tun. Und verlieren dabei den Kontakt zu sich selbst.

Mein Ansatz im Finanzcoaching ist deshalb nicht „ETF oder aktiv". Mein Ansatz ist: Verstehst du, was du tust? Hast du eine Strategie, die zu dir passt, nicht zu einer Zeitschrift, einem Influencer oder einer Produktkampagne? Kannst du diese Strategie durchhalten, wenn der nächste Crash kommt?

Die besten Portfolios sind nicht die mit der höchsten Rendite. Die besten Portfolios sind die, die du durchhältst. Die dir Klarheit geben statt Angst. Die mit deinen Werten übereinstimmen, nicht nur mit deinem Risikoprofil.

Passive Revolution? Ja. Aber nur, wenn du sie aktiv verstehst.

FAQ: Häufig gestellte Fragen

Diese FAQ-Sektion beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema ETFs, aktive Fonds und Behavioral Finance. Sollten Sie weitere Fragen haben, kontaktieren Sie mich gerne für ein unverbindliches Erstgespräch.

Nein. In effizienten Märkten (Large-Cap USA, Europa) übertreffen sie langfristig 93% der aktiven Fonds. Aber in Small Caps erreichten aktive Fonds 2024 eine Erfolgsquote von 70% (USA) bzw. 35,9% (Eurozone, 10 Jahre). Bei Anleihen schlugen 2024 sogar 78,7% der EUR Corporate Bond Fonds ihre Benchmark. Die Frage ist nicht 'ob ETF', sondern 'wo ETF, wo aktiv'.

Der Behavioral Gap beschreibt die Differenz zwischen Fondsrendite und tatsächlicher Anlegerrendite durch schlechtes Timing (Käufe bei Höchstständen, Verkäufe bei Crashs). Morningstar dokumentierte 2024 einen jährlichen Gap von 1,1%. Oft größer als die TER-Differenz zwischen ETF und aktivem Fonds. 15% der Gesamtrendite gingen über 10 Jahre durch Timing-Fehler verloren. Vanguard zeigt: Behavioral Coaching bringt 150 bis 200 Basispunkte Mehrwert. Mehr als die meisten Kosteneinsparungen.

Sie kontrollieren 74,3% des US-Equity-ETF-Marktes, 25% aller Stimmen bei S&P 500-Hauptversammlungen und sind größter Aktionär in 88% der S&P 500-Unternehmen. Problem: Sie investieren weniger als 4.500 Dollar pro 1 Milliarde Dollar Position in Stewardship, engagieren 90% ihrer Portfolio-Unternehmen nicht jährlich. Bei ESG-Abstimmungen zeigte Vanguard 2023 0% Support bei Large-Caps. Massive Macht, minimale treuhänderische Aktivität. Ein systemisches Governance-Defizit.

Core-and-Explore: 70 bis 80% in kostengünstigen ETFs für effiziente Märkte (MSCI World, S&P 500), 20 bis 30% in überzeugten aktiven Managern für ineffiziente Nischen (Small Caps, Anleihen, Emerging Markets). Kritisch: Nicht nur Performance prüfen, sondern Active Share (über 80%), Geduld (niedrige Turnover), Stewardship-Qualität. Closet Indexer meiden. Behavioral Coaching nutzen, um Timing-Fehler zu vermeiden.

Seit Investmentsteuerreform 2018 gibt es keine steuerlichen Vorteile mehr für thesaurierende versus ausschüttende Fonds. Vorabpauschale 2024: max. 33 Euro per 10.000 Euro Aktien-ETF (anrechenbar bei Verkauf). Sparerpauschbetrag 2025: 1.000 Euro (Single), 2.000 Euro (verheiratet), erhöht von 801/1.602 Euro. Steuerlich sind ETFs und aktive Fonds gleichgestellt. Kostenunterschied bleibt entscheidend (36.000 Euro über 20 Jahre bei 500 Euro/Monat Sparplan).

Autor: Jörg Hörmann

Finanz- & Executive Coach

Spezialist für Katalysator-Führung an der Schnittstelle von Mensch & System