Erich Fromm zeigt: Liebe ist keine Emotion, sondern Praxis. Entdecke den Unterschied zwischen Haben und Sein – und warum das dein Business und Leben verändert.

Haben ist eine Taktik. Sein ist eine Strategie. Lieben ist die Kunst.

Ein Essay über das, was bleibt, wenn der Besitz vergeht.

Haben ist eine Taktik. Sein ist eine Strategie. Lieben ist die Kunst.
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Einleitung

Meat Loaf sang einst: "I would do anything for love, but I won't do that."

Ein Paradox. Alles für die Liebe – aber nicht das?

Jahrelang hielt ich das für ein lyrisches Rätsel. Bis ich Erich Fromm las.

Fromm, Psychoanalytiker und Sozialphilosoph, schrieb 1956 „Die Kunst des Liebens" – ein Buch, das bis heute missverstanden wird. Nicht, weil es kompliziert ist. Sondern weil es radikal ist.

Seine These: Liebe ist keine Emotion. Liebe ist eine Praxis.

Und diese Praxis entscheidet sich an einer fundamentalen Weggabelung: Haben oder Sein.

Die zwei Modi des Existierens

Haben-Modus: Die Logik des Besitzes

Im Haben-Modus ist die Welt ein Objekt. Etwas, das ich besitzen, kontrollieren, akkumulieren kann.

Beispiele:

  • Liebe: „Ich habe einen Partner." (Besitz)
  • Wissen: „Ich habe einen Abschluss." (Zertifikat, nicht Verstehen)
  • Business: „Ich habe 10.000 Follower." (Metrik, nicht Resonanz)
  • Glück: „Ich muss Glück haben." (Zustand, den ich erwerben muss)

Problem:

  • Haben = fragil (was ich habe, kann ich verlieren)
  • Haben = nie genug (ein Partner, ein Abschluss, 10.000 Follower – und dann?)
  • Haben = Angst (vor Verlust, Konkurrenz, Vergleich)

Fromm: „Im Haben-Modus gibt es keine lebendige Beziehung zwischen mir und dem, was ich habe. Es und ich sind getrennt geworden."

Sein-Modus: Die Logik der Existenz

Im Sein-Modus ist die Welt ein Prozess. Etwas, das ich erlebe, praktiziere, bin.

Beispiele:

  • Liebe: „Ich praktiziere Liebe." (Haltung, nicht Besitz)
  • Wissen: „Ich lerne." (Prozess, nicht Zertifikat)
  • Business: „Ich schaffe Resonanz." (Wirkung, nicht Metrik)
  • Glück: „Ich bin im Einklang." (Zustand, der entsteht, nicht erworben wird)

Vorteil:

  • Sein = resilient (was ich bin, kann mir niemand nehmen)
  • Sein = erfüllend (der Prozess ist das Ziel)
  • Sein = angstfrei (kein Verlust möglich, weil nichts zu verlieren)

Fromm: „Im Sein-Modus ist mein Bezug zur Welt lebendig und echt."

Die Kunst des Liebens: Vier Elemente

Fromm definiert Liebe nicht als Gefühl, sondern als aktive Sorge für das Leben und Wachstum dessen, was wir lieben.

Das klingt abstrakt. Ist es aber nicht.

Fürsorge (Care)

Liebe zeigt sich darin, dass ich mich um das Wohl des anderen kümmere – nicht in Worten, sondern in Taten. Ich schaffe aktiv Raum für dein Wachstum.

Verantwortung (Responsibility)

Nicht Kontrolle. Nicht Pflicht. Sondern: Response-ability – die Fähigkeit zu antworten. „Was brauchst du von mir?" statt „Du musst..."

Respekt (Respect)

Von lateinisch respicere: „zurückschauen", „genau hinsehen." Den anderen sehen, wie er wirklich ist – nicht, wie ich ihn haben will. „Du darfst sein, wer du bist."

Erkenntnis (Knowledge)

Nicht oberflächliches Wissen. Sondern: Tiefes Verstehen. „Ich lerne dich jeden Tag neu kennen" statt „Ich kenne dich." Der einzige Weg, einen Menschen wirklich zu erkennen, ist liebevoll zu sein.

💼 Business-Übersetzung

Diese vier Elemente sind keine Theorie – sie sind die Grundlage jeder echten Beziehung:

  • Fürsorge: „Ich sorge dafür, dass meine Kunden wachsen" (nicht: „Ich will Kunden gewinnen")
  • Verantwortung: „Ich antworte auf Bedürfnisse" (nicht: „Ich muss Zahlen erfüllen")
  • Respekt: „Ich sehe meine Kunden, wie sie sind" (nicht: „Sie sollen sein, wie ich sie brauche")
  • Erkenntnis: „Ich lerne meinen Markt ständig neu kennen" (nicht: „Ich kenne meinen Markt")

Fünf Arten der Liebe (nach Fromm)

Fromm warnt: Liebe ist nicht nur romantische Liebe. Wer „Die Kunst des Liebens" als Beziehungsratgeber liest, verfehlt den Kern.

Liebe – verstanden als aktive Sorge für das Leben und Wachstum – zeigt sich in fünf Formen:

1. Brüderliche Liebe (Brotherly Love)

Was es ist: Die grundlegendste Form. Liebe zu allen Menschen – nicht als Verwandte, sondern als Mitmenschen.

Fromm: „Brüderliche Liebe ist Liebe zwischen Gleichen."

Nicht:

  • „Ich liebe nur die, die mir nützen." (Haben-Modus, transaktional)
  • „Ich helfe nur, wenn ich etwas zurückbekomme." (Kalkül)

Sondern:

  • „Ich sehe den Menschen im Menschen." (Sein-Modus, Humanismus)
  • „Ich respektiere die Würde jedes Einzelnen." (Grundhaltung)

💼 Business-Übersetzung: „Meine Kunden sind Menschen mit Bedürfnissen" – nicht Umsatzquellen.

2. Mütterliche Liebe (Motherly Love)

Was es ist: Bedingungslose Liebe. Nicht, weil das Kind etwas leistet, sondern weil es ist.

Fromm: „Mütterliche Liebe ist Bejahung des Lebens des Kindes und seiner Bedürfnisse."

ABER – Fromms Warnung: Mütterliche Liebe darf nicht zum Gefängnis werden. Echte mütterliche Liebe will, dass das Kind wächst und sich löst.

„Die Mutter muss nicht nur das Leben des Kindes tolerieren, sondern es auch aus sich entlassen können."

💼 Business-Übersetzung: Als Führungskraft Menschen so entwickeln, dass sie fliegen können – nicht festhalten, sondern vertrauen. Als Coach Klienten so stärken, dass sie auch ohne dich weiterwachsen. Das ist wahre Führung: loslassen, damit andere ihre Flügel finden.

3. Erotische Liebe (Erotic Love)

Was es ist: Die Liebe zwischen zwei Menschen – exklusiv, intensiv, verletzlich.

Paradox: Erotische Liebe ist exklusiv (nicht alle, sondern diese eine Person). ABER: Sie basiert auf brüderlicher Liebe (sonst ist es nur Begehren, nicht Liebe).

Fromm: „Wenn ich jemanden wirklich liebe, liebe ich alle Menschen, liebe ich die Welt, liebe ich das Leben. Wenn ich zu einem Menschen sagen kann: ‚Ich liebe dich', muss ich sagen können: ‚Ich liebe in dir alle, ich liebe durch dich die Welt, ich liebe in dir auch mich selbst.'"

💼 Business-Übersetzung: Wenn du einen Kunden wirklich liebst (Fürsorge, Respekt, Erkenntnis), öffnet dich das für alle Kunden. „Durch diesen Kunden lerne ich, was Menschen wirklich brauchen."

4. Selbstliebe (Self-Love)

Was es ist: Nicht Egoismus. Nicht Narzissmus. Sondern: Die Fähigkeit, sich selbst mit denselben Prinzipien zu begegnen wie anderen.

Fromm: „Wenn es eine Tugend ist, meinen Nächsten als menschliches Wesen zu lieben, muss es auch eine Tugend – und nicht ein Laster – sein, mich selbst zu lieben, denn auch ich bin ein menschliches Wesen."

Fromms Kern-These: „Liebe zu anderen und Liebe zu uns selbst schließen einander nicht aus, sondern bedingen einander."

💼 Business-Übersetzung: „Ich sorge für mich, damit ich für andere sorgen kann" – nicht „Ich opfere mich für mein Business." Dein Nordstern: Wirtschaftlicher, nachhaltiger Erfolg bei andauernder Gesundheit. = Selbstliebe im Fromm'schen Sinne.

5. Gottesliebe (Love of God)

Was es ist: Nicht religiös im dogmatischen Sinne. Sondern: Liebe zum Leben, zum Sein selbst.

Fromm (humanistisch): „Gott ist ein Symbol für das, was der Mensch werden kann, für das, was in ihm angelegt ist."

💼 Business-Übersetzung: Nicht „Ich muss Erfolg haben" (Gott = externes Ziel), sondern „Ich bin Teil eines größeren Prozesses" (Gott = Verbundenheit mit Leben/Welt/Sinn).

Praxis: Wie das aussieht

Im Geschäft:

❌ Haben-Modus

  • • „Ich muss 50 Kunden haben."
  • • „Ich muss auf LinkedIn 10.000 Follower haben."
  • • „Ich muss eine Million Umsatz haben."

✅ Sein-Modus

  • • „Ich schaffe Räume, in denen Menschen wachsen."
  • • „Ich bin präsent für die, die Resonanz spüren."
  • • „Ich praktiziere Wertschöpfung, nicht Wertextraktion."

In Beziehungen:

❌ Haben-Modus

  • • „Ich habe einen Partner." (Besitz)
  • • „Ich muss geliebt werden." (Bedürftigkeit)
  • • „Ich will, dass du dich änderst." (Kontrolle)

✅ Sein-Modus

  • • „Ich praktiziere Liebe." (Haltung)
  • • „Ich bin liebesfähig." (Ressource)
  • • „Ich sehe dich, wie du bist." (Respekt)

Zu dir selbst:

❌ Haben-Modus

  • • „Ich muss erfolgreich sein."
  • • „Ich muss glücklich sein."
  • • „Ich muss meine Ziele erreichen."

✅ Sein-Modus

  • • „Ich bin im Prozess."
  • • „Ich praktiziere Einklang."
  • • „Ich bin, was ich tue."

Meat Loaf Revisited

"I would do anything for love, but I won't do that."

Was ist „das"?

Meine These (durch Fromm):

Das" = Den anderen besitzen wollen.

Meat Loaf singt nicht über Liebe im Haben-Modus („Ich muss dich haben").

Er singt über Liebe im Sein-Modus:

In Interviews erklärte Meat Loaf, dass das „that" in seinem berühmten Refrain immer auf die Zeile davor verweist – also auf ein konkretes Versprechen, das er nicht brechen will. In jeder Strophe sagt er, was er tun würde – und nennt dann eine einzige Sache, die er nicht tun wird.

That" ist kein Mysterium, keine Abwehr. Es ist Integrität.

Es bedeutet: Ich liebe – aber ich verliere mich dabei nicht.

Damit singt Meat Loaf nicht über romantische Hingabe, sondern über reife Liebe. Über die Fähigkeit, in Beziehung zu bleiben, ohne sich selbst aufzugeben.

Genau hier berührt sich Popkultur mit Fromm:

Liebe ohne Besitz. Nähe ohne Verschmelzung. Sein statt Haben.

  • ✓ Ich gebe alles (Fürsorge, Verantwortung, Respekt, Erkenntnis).
  • Aber: Ich werde dich nicht kontrollieren, nicht besitzen, nicht ändern wollen.

Das ist reife Liebe.

Das ist die Kunst des Liebens.

Die zwei Bücher (Empfehlung)

1. „Haben oder Sein" (1976)

Worum es geht:

Fromm analysiert die westliche Konsumgesellschaft und zeigt: Wir sind im Haben-Modus gefangen. Alles wird zur Ware – auch Beziehungen, auch Wissen, auch Glück.

Warum relevant:

  • Für Unternehmer: Existierst du, um zu haben (Umsatz, Status, Follower)? Oder um zu sein (Wirkung, Resonanz, Tiefe)?
  • Für Beziehungen: Hast du einen Partner? Oder praktizierst du Liebe?

„Im Haben-Modus ist mein Bezug zur Welt ein Bezug des Besitzergreifens und Besitzens, ein Bezug, in dem ich alles und jeden, mich selbst eingeschlossen, zu meinem Besitz machen will."

2. „Die Kunst des Liebens" (1956)

Worum es geht:

Liebe ist keine Emotion, die über uns kommt. Liebe ist eine Kunst – und wie jede Kunst erfordert sie Theorie und Praxis.

Warum relevant:

  • Für Beziehungen: Liebe ist nicht „Ich fühle", sondern „Ich praktiziere."
  • Für Business: Beziehungen zu Kunden, Mitarbeitern, Partnern – alles folgt denselben Prinzipien.

„Lieben ist eine Tätigkeit, keine passive Affektion; es ist ein 'Stehen in', nicht ein 'Fallen für'."

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Ich empfehle Ihnen, die Bücher bei Ihrem lokalen Buchhändler zu erwerben. Als Beispiel hier die Links zu Genniges Bücher, meinem lokalen Buchhändler:

Erich Fromm: Haben oder Sein

Taschenbuch • dtv Verlag

Erich Fromm: Die Kunst des Liebens

Großdruck • Suhrkamp Verlag

* Falls diese Links nicht mehr aktiv sein sollten, suchen Sie einfach nach den Titeln bei Ihrem lokalen Buchhändler.

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Unser Gehirn ist darauf programmiert, Authentizität und Integrität zu erkennen. Wenn ich Ihnen einen lokalen Buchhändler empfehle, anstatt einen Affiliate-Link zu verwenden, sendet das unbewusste Signale:

  • Keine versteckten Gewinnabsichten – meine Empfehlung ist genuiner Natur
  • Gemeinschaftsorientierung – ich denke über den eigenen Vorteil hinaus
  • Langfristige Perspektive – lokale Strukturen sind nachhaltig und vertrauenswürdig
  • Konsistenz – meine Werte spiegeln sich in meinen Handlungen wider

Diese unbewusste Vertrauensbildung ist der Grund, warum ich bewusst auf Affiliate-Marketing verzichte und stattdessen echte, wertorientierte Empfehlungen ausspreche.

Fazit: Was bleibt

Fromm bietet keine schnellen Lösungen. Keine 5-Schritte-Formel zur perfekten Liebe. Keine Hacks für mehr Umsatz.

Er bietet etwas Selteneres: Klarheit.

Klarheit darüber, wie wir leben wollen.

Haben-Modus

Wo alles zum Besitz wird – festgehalten, gezählt, verglichen.
Sicher geglaubt, doch innerlich fragil.

Sein-Modus

Wo alles im Fluss bleibt – erlebt, geteilt, gewachsen.
Kein Festhalten nötig, weil es aus sich selbst lebt.

Das ist keine Theorie. Das ist eine Entscheidung.

Jeden Tag. In jedem Moment.

Wie entscheidest du dich?

FAQ: Häufig gestellte Fragen

Nein. Fromm schreibt über Liebe als philosophisches Prinzip, nicht als romantische Emotion. Das Buch behandelt brüderliche, mütterliche, erotische, Selbst- und Gottesliebe – nicht nur Partnerschaft.

Haben-Modus: "Ich muss 50 Kunden haben, 10.000 Follower haben, eine Million Umsatz haben." Sein-Modus: "Ich schaffe Räume für Wachstum, ich bin präsent, ich praktiziere Wertschöpfung." Die Frage ist: Definierst du dich über Besitz (fragil, nie genug) oder über Praxis (resilient, erfüllend)?

Fromm sagt: Nein. Egoismus ist das Gegenteil von Selbstliebe. "Der Egoist liebt sich nicht zu sehr, sondern zu wenig; in Wirklichkeit hasst er sich." Selbstliebe = sich selbst mit denselben Prinzipien begegnen wie anderen (Fürsorge, Respekt, Erkenntnis).

Nicht dogmatisch. Fromm (humanistischer Psychoanalytiker) meint: Ehrfurcht vor dem Leben, Verbundenheit mit etwas Größerem. Gottesliebe = nicht passives Glauben, sondern aktive Praxis der Transzendenz (über sich hinauswachsen).

"Die Kunst des Liebens" (1956): Wenn du verstehen willst, was Liebe wirklich bedeutet. "Haben oder Sein" (1976): Wenn du verstehen willst, wie du lebst (und ob du es ändern willst). Beide ergänzen sich. Fromm selbst sah "Haben oder Sein" als Weiterentwicklung seiner früheren Thesen.

Autor: Jörg Hörmann

Finanz- & Executive Coach

Spezialist für Katalysator-Führung an der Schnittstelle von Mensch & System