Über 25 Jahre Erfahrung in aktiver und passiver Geldanlage zeigen: Weder ETFs noch aktive Fonds sind per se überlegen. Entscheidend ist Bewusstsein.
Der Mythos vom ewigen Sieg der ETFs: Warum die passive Revolution die falschen Fragen beantwortet

Einleitung: Das Ende einer einfachen Geschichte
In über zehn Jahren als Abteilungsleiter Investmentfonds (1996-2003) und als Fachwirt für Finanzberatung (IHK, abgeschlossen 2001) habe ich die Geburt der ETFs in Deutschland miterlebt. Als im April 2000 die ersten beiden ETFs starteten, war ich bereits vier Jahre in der aktiven Fondsindustrie tätig. Ich beobachtete, wie ein neues Narrativ entstand: „Passiv schlägt aktiv. Immer. Überall."
Zwölf Jahre später, 2012, ließ ich mich zum zertifizierten ETF-Consultant ausbilden (VDH Verbund Deutscher Honorarberater). Nicht weil ich zum Konvertiten wurde, sondern weil ich beide Welten verstehen wollte. Die aktive Seite kannte ich aus der Praxis. Die passive Revolution wollte ich von innen begreifen. Heute, nach über 25 Jahren in der Finanzbranche, weiß ich: Weder „aktiv" noch „passiv" ist per se überlegen. Entscheidend ist Bewusstsein.
Ich habe Portfolios strukturiert, Depotanalysen durchgeführt, Strategien entwickelt. Für Heilberufe, Unternehmer, anspruchsvolle Zielgruppen. Manche Konzepte schlugen den MSCI World, manche nicht. Aber das war nie der entscheidende Punkt. Entscheidend war, ob der Anleger die Strategie verstand. Und ob er durchhielt, wenn es unruhig wurde. Die besten Konzepte scheiterten nicht an Märkten, sondern an fehlender Klarheit über die eigene Risikotoleranz.
Heute begleite ich Menschen nicht mehr beim Produktverkauf, sondern bei der Entwicklung von Anwendungswissen. Finanzcoaching bedeutet: Ich stelle Fragen, du findest Antworten. Ich zeige Zusammenhänge, du entscheidest. Ich halte den Raum, du bestimmst die Tiefe. Keine Tipps, keine Depotstrukturen. Nur Befähigung zur Selbstentscheidung.
Dieser Artikel ist kein Plädoyer für oder gegen ETFs. Er ist ein Kompass für denkende Selbstentscheider, die wissen wollen: Was sagen die Daten wirklich? Wo sind die blinden Flecken? Und wie baue ich eine Strategie, die zu mir passt statt zu einer Ideologie?
Die statistische Evidenz scheint erdrückend. 93% aller europäischen Aktienfonds scheitern über 10 Jahre am Benchmark. Der Siegeszug der Exchange Traded Funds, die heute Billionen an Vermögen verwalten, scheint unaufhaltsam. Doch beginnen wir mit einem überraschenden Befund, der die gesamte Erzählung in Frage stellt.
Eine deutsche Studie mit 7.700 Portfolios (2005-2010) zeigte: ETF-Anleger erzielten minus 0,55% pro Jahr. Schlechter als ihre aktiven Pendants im selben Zeitraum. Nicht weil ETFs schlecht sind, sondern weil sie die falschen Verhaltensweisen erleichtern. Die 93-Prozent-Statistik stimmt. Aber der 1,1% jährliche Behavioral Gap, den Morningstar 2024 dokumentierte, ist oft größer als die Kostenersparnis durch ETFs.
Die statistische Realität: Warum die passive Erzählung dominiert
Die Dominanz der passiven Anlagestrategie ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis einer unerbittlichen mathematischen Realität. Die SPIVA (S&P Indices Versus Active) Scorecards liefern als Goldstandard Jahr für Jahr dieselbe ernüchternde Botschaft: Über einen 15-Jahres-Zeitraum bis Ende 2024 gab es keine einzige Aktienfondskategorie, in der eine Mehrheit der aktiven Manager ihre Benchmark übertraf.
In Europa blieben fondsvermögensgewichtet 93% der Aktienfonds und 79% der Anleihenfonds hinter ihrer Benchmark zurück. Morningstar bestätigt dieses Bild. Über die Dekade bis Dezember 2024 überlebten nur 14,2% der aktiv verwalteten Fonds und schlugen gleichzeitig ihren Benchmark. Die Botschaft ist klar: Die meisten aktiven Manager scheitern. Und zwar konsistent.
Der sich selbst verstärkende Zyklus
Die zunehmende Konzentration der Indizes zementiert diese Dynamik. Die „Magnificent Seven" in den USA, die Mega-Caps in Europa. In Deutschland machen die zehn größten Aktien 57% des S&P Germany BMI aus. Sie alle werden durch passive Zuflüsse weiter nach oben getrieben. Jeder Euro, der in einen MSCI World ETF fließt, kauft automatisch die größten Unternehmen im Verhältnis zu ihrem bereits hohen Gewicht.
Aktive Manager stehen vor einem Dilemma. Untergewichten sie diese Giganten, riskieren sie massive Underperformance. Übergewichten sie sie, werden sie zu „heimlichen Indexern", die hohe Gebühren für eine quasi-passive Leistung verlangen. Dies führte 2024 dazu, dass 97,4% der globalen Aktienfonds (Euro-denominiert) den S&P World Index verfehlten. Die höchste Quote in der SPIVA-Geschichte. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung der aktiven Underperformance.
Risse im Monolith: Wo aktives Management fruchtbaren Boden findet
Trotz der erdrückenden Langfrist-Statistiken ist die Geschichte nicht zu Ende. Ein genauerer Blick auf die Daten offenbart Risse in der monolithischen Fassade der passiven Überlegenheit.
Small Caps: Die große Ausnahme
In den USA konnten 2024 erstaunliche 70% der aktiv verwalteten Small-Cap-Fonds den S&P SmallCap 600 Index übertreffen. Das beste Ergebnis seit über zwei Jahrzehnten. In Europa zeigte sich dasselbe Muster: Eurozone Small-Cap aktive Fonds erreichten eine Erfolgsquote von 35,9% über 10 Jahre. Deutlich über der Large-Cap-Quote von nur 5,3%.
Anleihen: Wo Können zählt
2024 war ein starkes Jahr für aktive Anleihenmanager. 53,5% übertrafen ihre Benchmarks (1-Jahr), bei EUR Corporate Bonds waren es sogar 78,7%. Über 10 Jahre erreichten immerhin 23% eine persistente Outperformance. In Deutschland zeigen Spezialfonds (2009-2022) mit 4,1% p.a. bei 4,3% Volatilität bessere Ergebnisse als Euro-Staatsanleihen (2,2%).
Warum diese Unterschiede?
Martijn Cremers (Notre Dame) liefert die Antwort. Seine Studie analysiert über 3.000 US-Aktienfonds (1990-2013): High Active Share (über 80 %) plus Geduld (Holding Duration über zwei Jahre) ergibt 2,04 % p. a. Outperformance. High Active Share plus Frequent Trading führt dagegen zu minus 1,15 % p. a. Underperformance (Cremers & Pareek, 2016, Journal of Financial Economics, 122(2), 288-306, DOI: 10.1016/j.jfineco.2016.08.003).
Seine Erklärung: „Successful active managers succeed in identifying temporarily undervalued stocks. But it's very difficult to do that over a short-term horizon, because markets are not efficient over short time periods."
Small Caps und Anleihen sind weniger effiziente Märkte. Weniger Analysten, langsamere Informationsverarbeitung, höhere Rendite-Dispersion. Genau dort, wo die Effizienzmarkthypothese an ihre Grenzen stößt, haben überzeugte aktive Manager ihre Chance.
Der eigentliche Feind: Warum Anleger 15% ihrer Rendite durch Timing verlieren
Hier offenbart sich die tiefere Wahrheit. Die Morningstar „Mind the Gap"-Studie 2024 zeigt: Anleger erzielten 6,3% Rendite, während ihre Fonds 7,3% lieferten (10 Jahre). 15% der Gesamtrendite gingen durch schlechtes Timing verloren. Dieser 1,1% jährliche Behavioral Gap bestand in allen 10 Kalenderjahren. Ein systematisches, nicht zufälliges Problem.
Das ETF-Paradox
Überraschend: Index-ETFs zeigten einen minus 1,1% Gap, während Index-Publikumsfonds nur minus 0,2% Gap aufwiesen. Die höhere Liquidität und Handelbarkeit von ETFs führt zu schlechterem Timing-Verhalten. Sektor-ETFs waren am schlimmsten: Fast minus 3% Gap, die schlechteste Kategorie überhaupt.
Die deutsche Studie (7.700 Portfolios) bestätigt: ETF-Anleger erzielten minus 0,55% p.a. Die Gründe? Fehlendes Fachwissen, Mängel bei Risikostreuung, Angst und Gier, 1 bis 3% Verlust durch Timing-Fehler.
Professor Martin Weber (Uni Mannheim), Deutschlands führender Behavioral-Finance-Experte, bringt es auf den Punkt: „Mit ETFs werden Sie nur erfolgreich sein, wenn Sie dauerhaft investiert bleiben. Ständig kaufen und verkaufen, davon wird nur Ihre Bank reich."
Die brutale Realität
Russell Investments zeigt: Wer die 10 besten Tage verpasste (2002-2021), erlebte Folgendes:
- Voll investiert: 100.000 Dollar wurden zu 450.854 Dollar
- 2008-Exit, Wiedereinstieg nach 1 Jahr: Nur 295.301 Dollar
- 2008-Exit, in Cash geblieben: Nur 58.544 Dollar
Sieben von zehn besten Tagen kamen innerhalb von 2 Wochen nach den 10 schlechtesten. Wer im COVID-Crash verkaufte, verpasste die Rally.
Vanguard quantifiziert den Wert professioneller Begleitung: Behavioral Coaching allein ergibt 150 bis 200 Basispunkte jährlicher Renditevorteil. Der größte Faktor in ihrem „Advisor's Alpha"-Framework (Gesamtwert: bis zu 3% netto). 1,6 Millionen Dollar Lifetime-Verlust sind durch suboptimale Verhaltensmuster möglich. 28% der IRA-Rollover-Gelder blieben 7 Jahre und länger in Cash (2015-Kohorte). Eine stille Tragödie.
Die Ironie: ETFs sollten Behavioral Biases lösen. Stattdessen schufen sie neue. Passive Overconfidence, der Glaube, dass passive Strategie keine Anpassung, keine Bildung, kein Engagement braucht. Convenience führt zu Overtrading. Die Werkzeuge sind rational. Die Nutzer sind es nicht.
Im Coaching arbeite ich mit Menschen an dieser Frage: „Willst du recht haben oder ruhig schlafen?" Denn das sind oft zwei völlig verschiedene Ziele. Eine 70/30-Strategie (Core ETF / aktive Satelliten) kann rational überlegen sein. Aber wenn du nachts wach liegst, weil du nicht verstehst, was dein aktiver Manager tut, ist sie für dich die falsche Strategie.
Wem gehört dein Geld? Die unsichtbare Macht der Big Three
Der massive Umschwung von Billionen von Dollar verändert nicht nur einzelne Portfolios. Er formt die grundlegende Architektur der Kapitalmärkte um.
Die Big Three: 74% Marktmacht, 25% Stimmrecht
BlackRock, Vanguard, State Street kontrollieren 74,3% des US-Equity-ETF-Marktes. BlackRock allein verwaltet 10,5 Billionen Dollar, hält 5% und mehr Anteil in 97,5% der S&P 500-Unternehmen. Kombiniert sind die Big Three der größte Aktionär in 88% der S&P 500-Unternehmen und kontrollieren 25% der Stimmen bei Hauptversammlungen.
Das Stewardship-Defizit
Bebchuk & Hirst (2019, Columbia Law Review) zeigen das strukturelle Problem: Diese Giganten investieren weniger als 4.500 Dollar pro 1 Milliarde Dollar Position für Stewardship. Weniger als 0,2% ihrer Gebühren. 90% der Portfolio-Unternehmen erhalten kein jährliches Engagement. BlackRock hatte 2018 nur 33 Stewardship-Mitarbeiter für Billionen AUM.
ESG-Voting offenbart die Widersprüche
Morningstar-Analyse 2023-2024: State Street stimmte 60% ESG-Resolutionen zu, BlackRock 55% (gefallen auf 4% in 2024), Vanguard nur 28%. Bei Large-Caps 2023 sogar 0% Support. Wäre die Big Three nicht da: 59 statt 28 ESG-Resolutionen hätten S&P 500-Abstimmungen gewonnen.
Ihr Geschäftsmodell schafft einen strukturellen Anreiz zur „rationalen Apathie". Ihr Wettbewerbsvorteil liegt in Skaleneffizienz und niedrigen Kosten, nicht in teurer Unternehmensanalyse. Sie können nicht verkaufen (passive Verpflichtung), sie können nur reden und abstimmen. Aber sie tun es nicht intensiv genug.
Die philosophische Frage
Wer kontrolliert den Kapitalismus, wenn drei Firmen alles besitzen? Passive Ownership gleich passive Verantwortung? Der COVID-Crash zeigte: Die Struktur hielt besser als befürchtet. Aber die Fed musste zum ersten Mal ETFs direkt kaufen (SMCCF/PDCF). Ein gefährlicher Präzedenzfall. Moral Hazard als Systemrisiko.
Aber auch die aktive Seite ist nicht frei von systemischem Versagen
Ich habe es selbst erlebt.
2009, nach Lehman. Einer meiner Portfolio-Bausteine war ein europäischer Aktienfonds, ein „Rennpferd". Immer im Top-Bereich. Über Jahre hinweg. Die Kunden vertrauten darauf. Ich vertraute darauf. Dann kam der Crash.
Was die Fondsgesellschaft nicht tat: Den Fonds verteidigen, durchhalten, antizyklisch kaufen. Was sie stattdessen tat: Geschäftspolitisch in einen Geldmarktfonds umwandeln. Volumen-Verlust minimieren. Ohne angemessene Kommunikation. Über Nacht war aus dem Rennpferd ein Esel geworden.
Meine Kunden saßen auf einem Portfolio-Baustein, der den Crash nicht ausgleichen konnte. Nicht weil sie falsch handelten, sondern weil die Fondsgesellschaft ihre eigenen Interessen über die der Anleger stellte. Ich war machtlos. Ich konnte nur zusehen.
Es tat weh. Nicht finanziell. Sondern ethisch. Das war der Moment, in dem ich aufhörte, in Produkten zu denken, und anfing, in Systemen zu denken. Der Moment, in dem ich dem Vertrieb den Rücken kehrte. Nicht weil ich Produkte hasse, sondern weil ich verstanden hatte: Kein Produkt ist besser als das System, das es trägt.
Deshalb arbeite ich heute nicht mehr mit Produkten, sondern mit Menschen. Finanzcoaching bedeutet: Du verstehst das System. Du verstehst deine Rolle darin. Du triffst Entscheidungen, die du verantworten kannst. Nicht ein Fondsmanager, nicht eine Gesellschaft, nicht ein Index. Nur du.
EMH vs. Behavioral Finance: Das intellektuelle Schlachtfeld
Eugene Fama selbst räumte 2024 ein: „Efficient markets is a hypothesis, not reality." Märkte reflektieren verfügbare Informationen, aber sie sind nicht hellseherisch. Sie sind „efficient enough". Konsistente Outperformance ist schwierig, aber nicht unmöglich in spezifischen Dimensionen.
Die Verhaltensökonomie zeigt: Menschen sind nicht immer rational. Herdenverhalten verstärkt Trends bis zur Blase. Kontrollillusion lässt Anleger glauben, sie könnten die Gewinner-Aktien trotz aller Beweise auswählen.
Die tiefere Ironie
Das passive Investieren, intellektuell in rationalen Märkten verwurzelt, hat in der Praxis Instrumente geschaffen, die irrationales Herdenverhalten massiv verstärken. Thematische ETFs (KI, Clean Energy, ESG) ermöglichen es Anlegern, schnell und kostengünstig auf populäre Narrative aufzuspringen. Diese Kapitalströme sind preisunsensibel. Sie kaufen nicht aufgrund fundamentaler Bewertung, sondern weil die Aktien im Index enthalten sind. Dies treibt Kurse über innere Werte hinaus und erzeugt genau jene Blasen und Anomalien, die es laut EMH gar nicht geben dürfte.
Die passive Revolution hat paradoxerweise hocheffiziente Werkzeuge geschaffen, die genau jenes irrationale Verhalten verstärken, das die Verhaltensökonomie beschreibt. Dies wiederum schafft neue Chancen für aktive Manager und neue Risiken für alle.
Die deutsche Perspektive: Steuer, Kosten, Realität
Steuerliche Gleichstellung seit 2018
Seit der Investmentsteuerreform 2018 gibt es keine steuerlichen Vorteile mehr für thesaurierende gegenüber ausschüttenden Fonds. Die Vorabpauschale 2024 (Basiszins 2,29%) bedeutet maximal 33 Euro Steuer per 10.000 Euro Aktien-ETF (Januar 2025). Überschaubar und bei Verkauf anrechenbar. Der erhöhte Sparerpauschbetrag 2025 (1.000 Euro Single, 2.000 Euro verheiratet) hilft zusätzlich.
Kosten: Der 36.000-Euro-Unterschied
Konkretes Szenario (20 Jahre, 500 Euro/Monat Sparplan):
- ETF (0,20% TER) via Neobroker: rund 5.000 Euro Kosten
- Aktiver Fonds (1,5% TER plus 5% Ausgabeaufschlag): rund 41.000 Euro Kosten
- Differenz: 36.000 Euro weniger Vermögen
DAX-ETFs kosten heute 0,08 bis 0,16% (Lyxor Core DAX 0,08%), World-ETFs 0,12 bis 0,20%. Neobroker (Trade Republic, Scalable Capital) verlangen 0 Euro für Sparpläne. Die Kostenrevolution ist real.
Aber: Wenige deutsche Aktive schaffen es dauerhaft
DWS Deutschland erzielte 8,2% p.a. über 25 Jahre (DAX: 6,7%). Fondak hat die beste Langfrist-Rendite aller deutschen Aktienfonds. Aber SPIVA Deutschland 2017: Rund 90% deutscher Aktienfonds unterperformten MSCI Germany. Survivorship Bias: Viele verschwinden unbemerkt.
Core-and-Explore: Der Kompass für den denkenden Anleger
Die Lösung ist keine binäre Wahl, sondern eine hybride Strategie, inspiriert von Erich Fromms Unterscheidung zwischen „Haben" und „Sein":
Der Kern (Haben): 70 bis 80% des Portfolios
Kostengünstige, breit diversifizierte ETFs für effiziente Märkte (MSCI World, S&P 500). Dies ist der pragmatische Anker. Die Anerkennung der statistischen Realität. Man besitzt die Marktrendite mit minimalen Kosten.
Die Satelliten (Sein): 20 bis 30% des Portfolios
Gezielte Allokationen in aktive Manager, wo Können einen Unterschied macht:
- Small Caps (Eurozone, USA): 35,9% bzw. 70% Erfolgsquote
- Anleihen (Corporate, Duration-Management): 53,5 bis 78,7% Outperformance 2024
- Schwellenländer (strukturelle Ineffizienzen)
- Überzeugte aktive Manager mit hohem Active Share (über 80%) und Geduld (Cremers: plus 2,04% p.a.)
Dies ist der „Sein"-Teil. Die bewusste Entscheidung, ein engagierter Eigentümer zu sein, nicht nur ein passiver Portfoliohalter.
Das übergreifende Prinzip: Stewardship-Due-Diligence
Selbst bei Kern-ETFs: Wie nimmt der Anbieter Eigentumsrechte wahr? Vanguard 0% ESG-Support bei Large-Caps 2023 versus State Street 60%. Das ist keine triviale Differenz. Stewardship ist kein Luxus, sondern eine treuhänderische Pflicht.
Bei aktiven Satelliten: Nicht nur Performance prüfen, sondern Engagement-Qualität, Active Share, Portfolio-Turnover, Manager-Tenure. Closet Indexer (Active Share unter 60%) sofort aussortieren. Sie verlangen aktive Gebühren für passive Leistung.
Schlussfolgerung: Jenseits des Mythos
Der Mythos vom ewigen Sieg der ETFs ist falsch. Aber der Mythos vom überlegenen aktiven Manager ist es auch. Die Wahrheit ist komplexer, aber auch ermächtigender: Indem du verstehst, wo passive Strategien ihre Stärken haben (effiziente Märkte, Kosten, Disziplin) und wo aktives Eigentum einen Mehrwert schafft (Small Caps, Anleihen, Stewardship), wächst du über den Mythos hinaus.
Erich Fromm schrieb in „Haben oder Sein": „Der moderne Mensch lebt in einer Illusion der Kontrolle, weil er Dinge besitzt, nicht weil er sich ihrer bewusst ist." Finanzpsychologisch heißt das: Besitz ersetzt kein Bewusstsein. Viele ETF-Anleger fühlen sich sicher, weil sie „das Richtige" tun. Und verlieren dabei den Kontakt zu sich selbst.
Mein Ansatz im Finanzcoaching ist deshalb nicht „ETF oder aktiv". Mein Ansatz ist: Verstehst du, was du tust? Hast du eine Strategie, die zu dir passt, nicht zu einer Zeitschrift, einem Influencer oder einer Produktkampagne? Kannst du diese Strategie durchhalten, wenn der nächste Crash kommt?
Die besten Portfolios sind nicht die mit der höchsten Rendite. Die besten Portfolios sind die, die du durchhältst. Die dir Klarheit geben statt Angst. Die mit deinen Werten übereinstimmen, nicht nur mit deinem Risikoprofil.
Passive Revolution? Ja. Aber nur, wenn du sie aktiv verstehst.
Update Mai 2026: Active-ETF-Welle, neue SPIVA-Daten und der unveränderte Behavior Gap
Ursprünglich veröffentlicht am 19. Oktober 2025. Dieses Update vom 25. Mai 2026 ergänzt neue Datenpunkte, ohne das Grundnarrativ zu verschieben.
Aktive Manager 2025: differenzierter als die Langzeit-Statistik
Die Langzeit-Daten bleiben stabil. Der Morningstar US Active/Passive Barometer für 2025 (publiziert Februar 2026) zeigt: Nur 38 Prozent der aktiv gemanagten Fonds und ETFs schlugen 2025 ihre passiven Pendants, vier Prozentpunkte schlechter als 2024. Über zehn Jahre liegt die Erfolgsquote weiterhin bei 21 Prozent.
Das Bild für 2025 ist regional und nach Anlageklasse unterschiedlich. SPIVA US Year-End 2025 dokumentiert, dass 79 Prozent der Large-Cap-Aktienmanager den S&P 500 verfehlten, 14 Prozentpunkte schlechter als 2024. Die Mega-Cap-Konzentration im Index hat aktive Manager in einer historischen Stärkephase noch weiter unter Druck gesetzt.
In Europa zeigt sich ein anderes Bild. SPIVA Europe Mid-Year 2025 weist 61 Prozent Underperformance bei Equity-Funds und 59 Prozent bei Fixed-Income-Funds aus, geringer als in den Vorjahren. Höhere Marktvolatilität durch Zollpolitik und KI-getriebene Sektorbewegungen schuf 2025 nach Einschätzung von S&P Dow Jones Indices „material opportunities for outperformance". Aktive Anleihenmanager hatten ein konstruktives Jahr. State Street Global Advisors dokumentiert: In fünf von neun großen Bondsektoren produzierten aktive ETFs 2025 einen höheren Anteil outperformender Manager als ihre passiven Pendants.
Die Lesart: 2025 war ein Jahr, in dem Marktbedingungen die Langzeit-Statistik kurzfristig verschoben. Über zehn und fünfzehn Jahre bleibt die strukturelle Mehrheit der Underperformance bestehen, zwischen 70 und 90 Prozent je nach Kategorie.
Active ETFs: die neue Kategorie zwischen den Stühlen
Eine Entwicklung, die in der Erstfassung dieses Artikels noch keine quantitative Größe hatte, ist 2025 zur Realität geworden. Im August 2025 überholten in den USA erstmals aktive ETFs die passiven in der Anzahl: 2.273 aktive gegen 2.142 passive. Etwa 85 Prozent der knapp 600 ETF-Launches in den USA 2025 waren aktive Produkte (Quelle: Natixis Investment Managers / Morningstar Direct).
In Europa erreichten aktive ETFs Ende 2025 etwa 100 Milliarden Euro Assets, gegenüber 45 Milliarden Ende 2024. JPMorgan prognosticiziert eine Billion Euro bis 2030 (Quelle: ETFGI / JPMorgan Asset Management).
Die entscheidende Frage: Was genau ist ein aktiver ETF? Morningstar formuliert in der Halbjahresanalyse 2025 ungewöhnlich klar: „Some of the most popular active ETFs aren't all that active. Most of what has taken off so far follows a quantitative or rules-based strategy; they're labeled 'active' because they don't track an index." Viele dieser Produkte sind funktional regelbasierte Strategien in aktiver Fondshülle, also weder klassisches aktives Management noch klassisch passive Replikation.
Die Kostenstruktur ist relevant. Passive Aktien-ETFs hatten Ende 2025 eine durchschnittliche Kostenquote von 0,14 Prozent, passive Anleihen-ETFs 0,09 Prozent. Aktive Aktien-ETFs lagen bei 0,44 Prozent, aktive Anleihen-ETFs bei 0,33 Prozent (Quelle: Morningstar, Februar 2026). Die historischen Spreads zwischen aktiven und passiven Vehikeln sind kleiner geworden, aber der Faktor 3 bis 4 bleibt.
Smart Beta und Faktor-ETFs: alte Bekannte mit gemischter Bilanz
Faktor- und Smart-Beta-ETFs sind keine neue Erscheinung. Sie existieren seit über 15 Jahren und versprechen, durch regelbasierte Auswahl bestimmter Eigenschaften (Value, Momentum, Quality, Low Volatility, Buyback) den Standardindex zu schlagen. Die empirische Bilanz ist gemischt. Morningstar zeigt in einem direkten Vergleich, dass etwa der iShares MSCI USA Value Factor ETF (VLUE) sich über mehrere Jahre kaum von einem klassischen Value-Benchmark wie dem Russell 1000 Value Index unterscheidet (Stand Dezember 2025).
2025 war ein Jahr, in dem die meisten Faktoren ihre Standard-Benchmark verfehlten. Buyback-Aktien waren der einzige faktor, der den S&P 500 schlug. Dividenden- und Low-Volatility-Faktoren lagen am Ende der Rangliste (Quelle: Nasdaq Dorsey Wright, 2025 Factor Review). Research Affiliates weist seit Jahren darauf hin, dass Faktor-Premien zyklisch sind und über lange Phasen unterperformen können, bevor sie zurückkehren. Eine Eigenschaft, die bei Privatanlegern selten durchgehalten wird.
Die strukturelle Pointe: Smart-Beta-Strategien addieren eine weitere Schicht von Entscheidungen, die Anleger durchhalten müssen. Der Behavior Gap, der in der ursprünglichen Analyse beschrieben wurde, wird durch zusätzliche Komplexität in der Regel nicht kleiner, sondern größer.
Was sich nicht verändert hat
Der Behavior Gap bleibt der eigentliche Renditefresser. Morningstar Mind the Gap 2025 (Daten bis Dezember 2024) beziffert ihn auf 1,2 Prozentpunkte pro Jahr, minimal höher als die 1,1 Prozent in der Erstfassung. Über zehn Jahre haben Anleger weiterhin rund 15 Prozent ihrer potenziellen Renditen verloren, nicht durch ihre Produkte, sondern durch die Zeitpunkte ihrer Käufe und Verkäufe. Funds mit volatileren Cashflows zeigen die größten Gaps, Allocation Funds die kleinsten (97 Prozent Capture).
Die Konzentration der Big Three hat sich weiter verschärft. State Street allein managte Ende 2025 5,7 Billionen US-Dollar, Rekord für das Haus. Zusammen mit BlackRock und Vanguard kontrollieren sie heute über 20 Prozent der US-Marktkapitalisierung und rund 25 Prozent der Stimmrechte in der US-Unternehmenslandschaft (IR Impact, Juli 2025).
Konsequenz für die ursprüngliche These
Weder die Active-ETF-Welle noch die Mid-Year-2025-Daten ändern den Kern der Analyse. Sie schärfen sie. Die Frage, welches Vehikel jemand wählt, wird durch hybride Produkte noch komplexer, nicht einfacher. Die Frage, ob das gewählte Vehikel zur eigenen Risikotoleranz und Anlagezeitspanne passt, bleibt die entscheidende. Ein Anleger, der seine Strategie versteht und durchhält, profitiert von einem soliden passiven ETF mehr als ein Anleger, der einen aktiven Manager wählt und nach zwei schwachen Jahren wechselt. Das Etikett auf der Fondshülle ist nicht der Hebel. Das Bewusstsein bleibt es.
Quellen für dieses Update
- S&P Dow Jones Indices, SPIVA US Year-End 2025
- S&P Dow Jones Indices, SPIVA Europe Year-End 2025 und Mid-Year 2025
- Morningstar, Active/Passive Barometer Year-End 2025
- Morningstar, Mind the Gap 2025
- Morningstar, „How the Line Between Active and Passive ETFs Is Blurring" (Februar 2026)
- Natixis Investment Managers, „Five Common Misconceptions About Active ETFs" (September 2025)
- State Street Global Advisors, „Four Key Trends in the 2025 Active-Passive Debate" (Januar 2026)
- ETFGI, European ETF Industry Report Dezember 2025
- Nasdaq Dorsey Wright, 2025 Factor Review
- BIS Working Paper No. 1261, „ETFs as a Disciplinary Device" (April 2025)
FAQ: Häufig gestellte Fragen
Diese FAQ-Sektion beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema ETFs, aktive Fonds und Behavioral Finance. Sollten Sie weitere Fragen haben, kontaktieren Sie mich gerne für ein unverbindliches Erstgespräch.